Patientenwissen kompakt
Immunsystem stärken: Maßnahmen und Prävention

„Das Immunsystem stärken“ ist ein beliebtes Versprechen, besonders in der Erkältungszeit. Gemeint ist meist der Wunsch, seltener krank zu werden oder Infekte schneller zu überstehen. Medizinisch ist die Formulierung jedoch ungenau: Ein gesundes Immunsystem lässt sich nicht beliebig „hochfahren“, und eine überschießende Immunreaktion wäre auch nicht wünschenswert, wie Allergien und Autoimmunerkrankungen zeigen.
Sinnvoller ist es, von einer Unterstützung der normalen Abwehrfunktion und von gezielter Vorbeugung zu sprechen. Dafür gibt es gut belegte Maßnahmen, allen voran Impfungen, Hygiene und ein gesunder Lebensstil. Viele beworbene Mittel zur „Immunstärkung“ halten einer Überprüfung dagegen nicht stand.
Wie das Immunsystem arbeitet
Das Immunsystem besteht aus zwei eng verknüpften Teilen. Die angeborene Abwehr reagiert schnell und unspezifisch auf Erreger, etwa durch Fresszellen, Entzündungsreaktionen und Barrieren wie Haut und Schleimhäute. Die erworbene Abwehr ist langsamer, aber gezielt: Sie bildet Antikörper und spezialisierte Abwehrzellen gegen bestimmte Erreger und baut ein immunologisches Gedächtnis auf.
Dieses Gedächtnis ist der Grund, warum man viele Krankheiten nur einmal bekommt, und es ist zugleich das Prinzip, auf dem Impfungen beruhen. Wie gut das Immunsystem arbeitet, hängt von vielen Faktoren ab, darunter Alter, Vorerkrankungen, Medikamente, Ernährung, Schlaf und Stress.
Impfungen: die wirksamste Vorbeugung
Impfungen trainieren das Immunsystem gezielt, ohne dass die Krankheit durchgemacht werden muss. Sie gehören zu den wirksamsten Maßnahmen der Medizin überhaupt. In Deutschland gibt die Ständige Impfkommission (STIKO) am Robert Koch-Institut Empfehlungen heraus, welche Impfungen für welche Altersgruppen und Risikogruppen sinnvoll sind, etwa gegen Tetanus, Diphtherie, Keuchhusten, Masern oder saisonal gegen Influenza.
Für ältere Menschen und Personen mit chronischen Erkrankungen sind zusätzliche Impfungen empfohlen, zum Beispiel gegen Pneumokokken oder Gürtelrose. Ein Blick in den Impfpass und ein Gespräch in der Hausarztpraxis helfen, Impflücken zu erkennen und zu schließen.
Hygiene im Alltag
Viele Atemwegs- und Magen-Darm-Infekte werden über die Hände oder über Tröpfchen übertragen. Gründliches Händewaschen mit Seife, besonders nach dem Nachhausekommen, vor dem Essen und nach dem Toilettengang, senkt das Ansteckungsrisiko. Husten und Niesen in die Armbeuge, regelmäßiges Lüften von Innenräumen und Abstand zu erkrankten Personen sind weitere einfache Maßnahmen.
Wer selbst erkrankt ist, schützt andere, indem er zu Hause bleibt, soweit möglich. In Phasen mit vielen Atemwegsinfekten kann eine Maske in Innenräumen mit vielen Menschen zusätzlichen Schutz bieten, insbesondere für gefährdete Personen.
Lebensstil: was belegt ist
Ausreichend Schlaf unterstützt die normale Immunfunktion. Studien zeigen, dass Schlafmangel mit einer erhöhten Anfälligkeit für Infekte und einer schwächeren Impfantwort verbunden sein kann. Regelmäßige körperliche Aktivität ist ebenfalls günstig. Die Weltgesundheitsorganisation empfiehlt Erwachsenen mindestens 150 bis 300 Minuten moderate Bewegung pro Woche.
Eine ausgewogene Ernährung mit viel Gemüse, Obst, Vollkornprodukten und Hülsenfrüchten versorgt den Körper mit den Nährstoffen, die auch das Immunsystem braucht. Rauchen schädigt die Schleimhäute der Atemwege und schwächt die Abwehr, regelmäßiger Alkoholkonsum ebenfalls. Der Verzicht darauf gehört zu den wirksamsten Schritten für die eigene Gesundheit. Anhaltender Stress kann die Immunfunktion beeinträchtigen, weshalb Erholungsphasen wichtig sind.
| Maßnahme | Einordnung |
|---|---|
| Impfungen nach STIKO-Empfehlung | Gut belegt, wirksamste Vorbeugung |
| Händehygiene, Husten- und Niesetikette | Gut belegt |
| Ausreichend Schlaf, Bewegung, Nichtrauchen | Gut belegt für die allgemeine Gesundheit |
| Ausgewogene Ernährung | Grundlage für ausreichende Nährstoffversorgung |
| Nahrungsergänzungsmittel ohne Mangel | Nutzen meist nicht belegt |
Nahrungsergänzungsmittel und „Immunbooster“
Vitamin C, Zink, Vitamin D, Pflanzenextrakte oder Probiotika werden häufig zur Immunstärkung beworben. Bei einem nachgewiesenen Mangel kann eine Ergänzung sinnvoll sein, das sollte jedoch ärztlich festgestellt und begleitet werden. Bei ausreichender Versorgung ist ein zusätzlicher Nutzen für die Infektvorbeugung meist nicht belegt oder gering. Hoch dosierte Präparate können Nebenwirkungen haben und mit Medikamenten wechselwirken.
Gesundheitsbezogene Werbeaussagen für Lebensmittel und Nahrungsergänzungsmittel sind in der EU streng geregelt. Wird mit einem Beitrag zur „normalen Funktion des Immunsystems“ geworben, bezieht sich das auf die Versorgung mit einem Nährstoff, nicht auf einen Schutz vor Infekten.
Wann ärztlicher Rat wichtig ist
Häufige Erkältungen sind bei Kindern und bei Erwachsenen mit viel Kontakt zu anderen Menschen normal. Ärztlich abgeklärt werden sollten jedoch ungewöhnlich häufige, schwere oder langwierige Infektionen, Infekte, die nur auf intravenöse Antibiotika ansprechen, ungewöhnliche Erreger oder eine familiäre Häufung von Immundefekten. Dahinter kann in seltenen Fällen eine Störung des Immunsystems stecken.
Auf einen Blick
Gesundheitsinformationen richtig einordnen
- BeobachtungWas tatsächlich bemerkt oder gemessen wurde
- ErklärungEine mögliche Deutung – plausibel, aber nicht automatisch zutreffend
- QuelleStudie, Erfahrungsbericht, Laborbefund und ärztliche Einschätzung erfüllen unterschiedliche Aufgaben
- ZweckAllgemeine Orientierung ist etwas anderes als eine persönliche Entscheidung
- AbklärungBei Beschwerden, Unsicherheit oder Medikamentenfragen an Ärztin, Arzt oder Fachpersonen wenden
Häufige Fragen
Kann ich mein Immunsystem schnell stärken, wenn eine Erkältung beginnt?
Ein schneller „Immunboost“ ist nicht belegt. Ruhe, ausreichendes Trinken und Schonung unterstützen die Genesung. Bei Fieber, Atemnot oder Verschlechterung sollte ärztlicher Rat eingeholt werden.
Sind Probiotika gut für das Immunsystem?
Für einzelne Stämme gibt es Hinweise in bestimmten Situationen. Ein allgemeiner Schutz vor Infekten ist nicht ausreichend belegt.
Wann ist ein Notfall gegeben?
Bei Atemnot, Brustschmerzen, Verwirrtheit, hohem Fieber mit Nackensteifigkeit oder einem raschen Kräfteverfall sollte sofort der Notruf 112 gewählt werden.
Quellen
- Robert Koch-Institut, Ständige Impfkommission (STIKO): Impfempfehlungen
- Weltgesundheitsorganisation (WHO): Leitlinien zu körperlicher Aktivität und sitzendem Verhalten
- Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE): Empfehlungen für eine vollwertige Ernährung
- Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften (AWMF): Leitlinie Diagnostik auf Vorliegen eines primären Immundefekts
Die Informationen sind sorgfältig recherchiert, ersetzen aber keine persönliche Beratung.